„Dann wirst du heute am Balkon essen. Bei Barbara.“ warf Sebastian wütend das Handy auf den Tisch

Dieser Geiz ist feige, respektlos und erbärmlich.
Geschichten

Sie musterte ihn, als wäre er nur ein Hindernis. Ein Nichts.

— Geh nur. Schreib deine Anzeige. Und erzähl dem Beamten gleich dazu, wie du deiner Frau das Bargeld gestohlen hast. Dann machst du dich im ganzen Grätzl zum Kasperl.

Sebastian rang hörbar nach Luft.

— Gib mir das Geld zurück! Ich löse sie selber wieder aus!

— Welches Geld?

Katharina klopfte auf das Sackerl mit dem Fleisch.

— Da ist dein Geld. In Steaks. Und die Betriebskosten für diesen Monat zahl ich auch davon. Was übrig bleibt, leg ich für die Scheidung weg. Da fallen Gebühren an.

— Mit dir leb ich keinen Tag länger.

Er spuckte ihr die Worte regelrecht entgegen.

— Genau darum hab ich dich schon gestern gebeten, antwortete Katharina ruhig.

Sie ging an ihm vorbei, öffnete den Kasten im Vorzimmer und zog eine große karierte Tasche heraus, wie man sie früher auf Märkten gesehen hat. Dann warf sie sie ihm vor die Füße.

— Deine Sachen liegen rechts im Fach. Schuhe unten. Die Jacke nimmst auch mit.

— Du kannst mich nicht einfach hinausschmeißen! Die Hälfte der Wohnung gehört mir!

— Dann geh zum Gericht und lass teilen. Bis dahin schläfst du hier nicht mehr.

Sebastian trat gegen die Tasche.

— Du kannst mich gernhaben! Ich ruf meine Mutter an.

— Ruf sie an.

Mit zitternden Fingern fischte er sein Handy heraus, wählte die Nummer und stellte auf Lautsprecher. Es läutete lange, bis endlich jemand abhob.

— Ja, Sebastian, mein Bub?

— Mama, sie wirft mich raus. Und meine Konsole hat sie verkauft.

Am anderen Ende wurde es für einen Moment still.

— Wie, verkauft? Wie, sie wirft dich raus? Ich ruf sofort die Polizei! Ich komm jetzt gleich! Gib sie mir ans Telefon!

Sebastian hielt Katharina das Handy hin. In seinem Blick lag schon wieder Triumph.

Katharina nahm es nicht. Sie beugte sich nur näher zum Mikrofon.

— Barbara. Wenn Sie jetzt hier auftauchen, stelle ich seine Sachen ins Stiegenhaus. Und wenn Sie vor meiner Tür schreien, rufe ich die Polizei wegen Ruhestörung.

— Du bist ja wahnsinnig! kreischte die Schwiegermutter. — Mein Sohn hat die Hälfte der Wohnung bezahlt!

— Ihr Sohn hat Ihnen achthundertfünfzig Euro überwiesen. Und mir tausendzweihundert gestohlen. Gehen Sie zur Bank und nehmen Sie einen Kredit auf. Zahlen Sie die Schulden Ihres lieben Buben zurück.

Katharina richtete sich auf.

— Die Wohnungsschlüssel. Auf den Tisch. Sofort.

Sebastian wirkte plötzlich unsicher. Aus dem Lautsprecher schrie seine Mutter weiter, drohte mit Anwälten, Gerichten, Polizei und göttlicher Strafe. Doch ihre Stimme klang auf einmal weit weg und erbärmlich.

— Sebastian, die Schlüssel, wiederholte Katharina.

Er schaute auf die karierte Tasche. Dann zu ihr. In ihren Augen war keine Hysterie, keine Träne. Nur kalter Beton.

Langsam zog er den Schlüsselbund aus der Jeanstasche. Er löste den Schlüssel für die Haustür ab und warf ihn auf die kleine Kommode. Das Metall schlug hell und hart auf.

— Das lass ich nicht auf mir sitzen. Das wirst du noch bereuen.

— Davon geh ich aus. Pack deine Sachen.

Vierzig Minuten später stand Sebastian in der Tür. Die karierte Tasche in der Hand, Winterstiefel an den Füßen, die Jacke zugezogen. Er sah erbärmlich aus, zusammengesunken und kleiner als sonst.

— Katharina, können wir vielleicht reden? fragte er plötzlich. Die Wut war verschwunden. Übrig geblieben war Angst.

Sie sah ihn an und dachte an drei Jahre Ehe. An all die Versprechen, die Wohnung herzurichten. An jeden Streit, in dem er sich hinter dem Rücken seiner Mutter versteckt hatte.

Dann nahm sie den Schlüssel von der Kommode und drehte ihn zwischen den Fingern. Das Metall war eiskalt.

— Wir haben alles gesagt. Servus.

Katharina machte die Tür zu und drehte den Riegel zweimal um. In der Wohnung breitete sich Stille aus.

Sie ging in die Küche, setzte Reis auf und erhitzte die Pfanne. Dann legte sie ein Stück Fleisch hinein. Es zischte, klarer Saft trat aus. Es roch gut. Es roch nach Zuhause.

Am Abend bestellte sie einen Schlüsseldienst. Sonntagfrüh wurde das alte Schloss herausgeschnitten und ein neues eingebaut. Schwer, stabil, verlässlich.

Der Monteur gab ihr fünf neue Schlüssel in einem versiegelten Packerl.

— Fertig, Chefin. Da kommt kein Fremder mehr hinein.

— Danke.

Sie bezahlte ihm dreißig Euro, sperrte hinter ihm ab und machte sich Tee in ihrem Lieblingshäferl mit den Katzen darauf.

Dann setzte sie sich ans Fenster. Draußen fiel Schnee. Weiß und sauber.

Das Handy lag auf dem Tisch. Zehn verpasste Anrufe von Barbara. Fünf von Sebastian. Dazu ein paar lange, wütende Nachrichten über Anwälte und die Aufteilung des Eigentums. Katharina wischte die Meldungen in den Papierkorb.

Einen Schuldschein über die tausendzweihundert Euro hatte sie nicht. Den Diebstahl von Bargeld würde sie kaum beweisen können. Aber der Beleg aus der Pfandleihe wärmte ihr die Seele mehr als jede Entschuldigung. Einen Teil hatte sie zurückgeholt. Und ihre Ruhe gleich mit.

Sie nahm einen Schluck heißen Tee.

Zum ersten Mal gefiel ihr die Stille.

Hedis Stube