„Blut bleibt nun einmal Blut, das verstehst du doch“, sagte die Schwiegermutter und goss gelassen den Kompott, während Anna erstarrte und Lukas stumm wegsah

Diese heimtückische Ungerechtigkeit fühlt sich zutiefst herzlos an.
Geschichten

„Du hättest vor einem halben Jahr mit mir reden müssen“, sagte Anna ruhig. „Mit mir. Aber du hast geschwiegen.“

„Ich hab nicht gewusst, wie!“

„Genau das ist ja das Problem, Lukas. Du weißt nie, wie. Für dich entscheidet immer deine Mutter. Und weißt du was? Ich will nicht länger die Frau von einem Muttersöhnchen sein. Ich will einen Mann an meiner Seite. Einen erwachsenen.“

Er begriff es nicht. Er schaute sie gekränkt an, fast wie ein Bub, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat. Und Anna dachte mit einer traurigen Klarheit: Da war es. Seine Mutter hatte ihn nie wirklich losgelassen. Und er selbst hatte sich auch nie ernsthaft befreien wollen.

Das Verfahren hat sich über fünf Monate gezogen. Der Jurist hatte recht behalten: Rechnungen, Überweisungen, die Vereinbarung mit der Handwerkerpartie — alles zusammen ergab eine saubere, beinahe lückenlose Beweisgrundlage. Theresa nahm sich einen Anwalt und versuchte darzustellen, das Geld sei ein „Geschenk an die Familie“ gewesen. Nur: Ein Geschenk muss man nachweisen können. Anna hatte nichts verschenkt. Sie hatte investiert. Und sie hatte Buch geführt.

Das Gericht entschied zu ihren Gunsten. Theresa wurde verpflichtet, 3.120 Euro zurückzuzahlen.

Sie überwies das Geld in Raten, widerwillig, zäh und mit hörbarem Groll in jeder Nachricht. Aber am Ende zahlte sie. Florian war, als er erfuhr, dass das Haus für ihn gleichsam „mit Nachzahlung“ gekommen war, ebenfalls alles andere als begeistert. Zwischen ihm und seiner Mutter entstand ein Riss. Doch das war schon nicht mehr Annas Geschichte.

Ein halbes Jahr nach der Scheidung stand Anna in einer leeren kleinen Einzimmerwohnung am Stadtrand.

In ihrer eigenen.

Die 3.120 Euro, die sie sich vor Gericht zurückgeholt hatte. Fast 5.000 Euro an persönlichen Ersparnissen, von denen niemand etwas gewusst hatte. Dazu ein Kredit — klein, tragbar, bis auf den letzten Euro mit ihrem nüchternen Buchhalterinnenverstand durchgerechnet. Es ging sich aus. Es reichte für die Anzahlung auf eine winzige, aber eigene Wohnung in einem Neubau.

Die kahlen Wände rochen nach frischem Verputz. Draußen vor dem Fenster standen Bauzäune, Kräne und junge Häuserreihen. Weit weg vom Zentrum. Aber es gehörte ihr. Ganz. Ohne Bedingungen. Ohne dieses ewige: „Am Ende fällt eh alles euch zu.“

Maria ging langsam durch die Wohnung, blieb da und dort stehen und schaute in jede Ecke.

„Klein ist sie“, sagte sie schließlich. „Aber hell. Südfenster — das ist viel wert.“

„Ich hab sie mir selbst ausgesucht, Mama. Selbst erarbeitet. Selbst gekauft.“

„Ich weiß, mein Kind.“ Ihre Mutter legte den Arm um ihre Schultern. „Ich bin stolz auf dich.“

Anna blickte hinaus in den grauen Winterhof, auf die dünnen Äste der jungen Bäume entlang der neuen Straße. In ein paar Jahren würden sie größer sein. Dann würde der Hof grün werden. Jetzt war noch alles kahl, leer, unfertig — und gerade deshalb lag alles noch vor ihr.

Die Renovierung würde sie machen, wie sie es konnte, Schritt für Schritt. Nur diesmal für sich selbst. Jede Rechnung, jede Fliese, jede Rolle Tapete — für ihr eigenes Zuhause.

Das Handy gab einen kurzen Ton von sich. Eine Nachricht von Lukas: „Wie geht’s dir? Vielleicht könnten wir uns sehen und reden?“

Anna sah auf das Display. Dann steckte sie das Handy wieder in die Jackentasche, ohne zu antworten.

Nicht heute. Und auch nicht morgen. Diese Geschichte war vorbei.

Eine andere hatte begonnen — ihre eigene.

„Mama“, sagte sie, „komm, trinken wir einen Tee. Ich hab hier einstweilen nur einen Hocker und einen Wasserkocher, aber der Wasserkocher ist eh das Wichtigste.“

Maria lachte.

„Das Wichtigste, ja. Ganz genau.“

Sie tranken Tee aus Pappbechern, setzten sich abwechselnd auf den einzigen Hocker und sahen auf die nackten Wände, hinter denen sich die Zukunft versteckte. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich Anna leicht.

Theresa rief nicht mehr an. Lukas schrieb noch ein paar Mal, dann hörte auch das auf. Man erzählte, er wohne wieder bei seiner Mutter. Theresa habe ihn erneut unter ihre Fittiche genommen, koche für ihn, umsorge ihn, entscheide für ihn. Vielleicht passte ihm genau das. Vielleicht hatte er nie etwas anderes gewollt.

Anna aber wollte etwas anderes. Und jetzt hatte sie es.

Eine eigene Wohnung. Ein eigenes Leben. Einen eigenen Kopf, der diesmal alles richtig berechnet hatte.

An den Abenden saß sie oft beim Fenster mit einem Häferl Tee in der Hand und dachte darüber nach. Wie lange sie versucht hatte, bequem zu sein. Wie sehr sie sich Liebe verdienen wollte, die man ihr gar nicht geben wollte. Wie viel Angst sie davor gehabt hatte, allein dazustehen — und wie sich dann herausgestellt hatte, dass das Alleinsein mit sich selbst viel ruhiger war als ein Platz in einer Familie, in der man sie nur aus Anstand geduldet hatte.

Manchmal ist das Freundlichste, was man für sich selbst tun kann, aufzuhören, für jene angenehm zu sein, die einen ohnehin nur als Fremde sehen.

Es würde gut werden. Das wusste Anna nun ganz sicher.

Denn von jetzt an hing alles nur noch von ihr ab.

Hedis Stube