Theresa stand da in ihrem ewigen Morgenmantel, das Gesicht zu einer Miene verzogen, als wäre sie gerade auf einer Theaterbühne in der tragischsten Rolle ihres Lebens aufgetreten.
— Annalein, ich versteh ja, du bist müde. Aber so geht das nicht, von einer Sekunde auf die andere! Wir sind schließlich eine Familie!
— Familie ist dort, wo man gemeinsam entscheidet. Wenn ihr aber ohne zu fragen fünfhundert Euro abhebt, dann nennt man das Diebstahl.
— Du unterstellst mir, ich hätte gestohlen?! — Theresa riss empört die Arme auseinander. — Ich hab immer nur für die Familie gehandelt!
— Für die Tochter deiner Schwester — stellte Anna klar. — Die Familie, das sind du, Lukas und ich. Deine Nichte soll ihre Schulden selber regeln.
— Du bist grausam! — schniefte Theresa. — Ein Herz aus Stein hast du.
— Nein. Nur eines, das müde geworden ist.
Lukas sah, dass seine Mutter auf Drama umschaltete, und legte sofort nach.
— Also, Anna, falls du glaubst, du bist hier die einzige Hausherrin, irrst du dich. Die Wohnung gehört uns gemeinsam. Die Hälfte ist meine!
— Und weiter? — Anna stellte ihr Häferl auf den Tisch. — Eine Hälfte dir, eine Hälfte mir. Nur zahle halt ich alles.
— Willst du damit sagen, ich bin ein Schmarotzer? — Lukas lief rot an.
— Ich will es nicht andeuten. Ich sag es ganz offen — erwiderte Anna gefasst.
— Wenn ich gewollt hätte, hätte ich längst Arbeit! — brüllte Lukas. — Aber ich erniedrige mich doch nicht für ein paar Euro.
— Aha. Aber deine Frau um Geld für ein neues Handy bitten, das ist nicht erniedrigend? — fragte Anna mit einem schmalen Lächeln.
— Du machst dich über mich lustig — stieß er wütend hervor.
— Nein, Lukas. Ich beschreibe nur die Wirklichkeit.
Da verlor Theresa endgültig die Fassung und schlug mit der Hand auf den Tisch.
— Jetzt reicht’s mit diesem Kasperltheater! Anna, du musst begreifen, Männer haben es heutzutage schwer. Es gibt keine ordentliche Arbeit. Du verdienst gut, also hör auf zu jammern!
— Theresa, du arbeitest selber nicht! — Anna drehte sich zu ihr. — Wieso genau soll ich euch beide gleichzeitig erhalten?
— Weil du jung und kräftig bist. Ich bin alt, mir steht Ruhe zu.
— Alt? — Anna riss die Augen auf. — Vor fünf Jahren bist du noch mit deiner Freundin in die Türkei geflogen und hast bis in der Früh in der Disco getanzt! Du hast mehr Energie als ich.
Lukas prustete los, verstummte aber sofort, als seine Mutter ihn ansah.
— Na und, wenn sie getanzt hat? — brummte er. — Das darf sie ja wohl.
— Darf sie — nickte Anna. — Nur eben von ihrem eigenen Geld, nicht von meinem.
Wieder breitete sich Stille aus. Es wirkte, als hätte sogar der Kühlschrank aufgehört zu summen.
— Gut — sagte Theresa schließlich mit einem angespannten Lächeln. — Schön. Wenn du unbedingt so prinzipientreu sein willst. Dann kommen wir eben allein zurecht.
Anna spürte, wie sich innerlich alles in ihr zusammenzog. Dieses „allein“ kannte sie nur zu gut. Es bedeutete: In ein paar Tagen würden Tränen, Vorwürfe und Telefonate folgen. „Es ist kein Brot da.“ „Wir haben kein Geld für die Apotheke.“ „Willst du, dass wir verhungern?“
Und genau so ist es gekommen. Am Abend, als Anna von der Arbeit heimkam, lag auf dem Küchentisch ein Zettel:
„Kein Brot. Kein Geld. Hab wenigstens Mitleid mit dem Kind, wir sitzen hungrig da.“
Unterschrieben: „Mama und Lukas“.
Anna las die Zeilen mit verzogenem Gesicht.
— Mitleid mit dem Kind? — murmelte sie. — Mit dem zweiundvierzigjährigen Kind? Das ist kein Kind mehr, das ist ein Pensionist in Jogginghose.
Fünf Minuten später kam Lukas heim und begann ohne jede Einleitung mit seiner Vorstellung.
— Anna, was soll das? Ich hab den ganzen Tag nichts gegessen. Mama auch nicht.
— Und warum ist das mein Problem? — Anna zuckte mit den Schultern. — Die Geschäfte sind voll mit Stellenanzeigen. Du gehst hin, arbeitest und kaufst dir Brot.
— Spinnst du? Ich bin Ingenieur! — empörte sich Lukas. — An der Kassa stehen ist unter meiner Würde!
— Aber deine Frau um Geld anbetteln nicht?
— Das ist etwas anderes! Wir sind eine Familie!
— Familie heißt nicht, dass einer schuftet und zwei sich ausruhen — sagte Anna. — Schluss damit, Lukas. Fang an, deinen Kopf zu benutzen.
Lukas schwieg. Sein Gesicht wurde dunkel und hart.
— Gut — sagte er leise. — Wenn du glaubst, ich komm ohne dich nicht zurecht, wirst du schon sehen.
Dann knallte er die Tür hinter sich zu.
Anna blieb allein in der Küche zurück und hatte zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, dass sich wirklich etwas zu verändern begann. Trotzdem war ihr nicht wohl dabei. Sie kannte die beiden viel zu gut: So schnell würden sie nicht aufgeben.
„Na schön“, dachte sie. „Wenn der Geldhahn zugedreht ist, dann bleibt er zugedreht.“
Am dritten Tag nach der Sperre der Karten geschah in der Wohnung schließlich genau das, was sich die ganze Zeit über bereits angekündigt hatte.
