Es kam genau so, wie Anna es geahnt hatte – und trotzdem hat es sie unvorbereitet getroffen.
Am Abend, als sie endlich die hohen Schuhe abgestreift und sich mit einem erschöpften Seufzer aufs Sofa sinken hatte lassen, drang aus der Küche ein seltsam bedeutungsvolles Räuspern. Dieses Geräusch kannte sie. Es kündigte nichts Gutes an. Theresa war offenbar dabei, einen ihrer feierlichen „Familienräte“ einzuberufen.
Und tatsächlich: Als Anna in die Küche gekommen ist, sind Lukas und seine Mutter bereits am Tisch gesessen. Vor ihnen lag ein kariertes Blatt Papier, daneben ein Kugelschreiber, und zur Abrundung der ganzen Inszenierung dampfte sogar eine Tasse Tee. Die Stimmung war so ernst, als wollten sie gleich ein neues Gesetzbuch verfassen.
„Anna, setz dich bitte“, sagte Theresa mit tragender Stimme. „Lukas und ich haben alles gründlich besprochen.“
„Genau“, bestätigte er und nickte gewichtig. „Es ist Zeit, dass wir eine Entscheidung treffen.“
Anna lächelte nur schwach und nahm ihnen gegenüber Platz.
„Da bin ich aber gespannt, was ihr euch überlegt habt.“
Lukas drehte den Kugelschreiber zwischen den Fingern, als wäre er ein großer Stratege vor einer entscheidenden Schlacht.
„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das Geld natürlich an einem sicheren Ort bleiben muss. Aber die Verwaltung sollte gemeinsam passieren – also mit dir. Die Hälfte von deinem Gehalt geht in die gemeinsamen Ausgaben, und die andere Hälfte bleibt dein persönlicher Anteil.“
„Ein großartiger Plan“, sagte Anna ruhig und nickte. „Nur eines verstehe ich noch nicht ganz: Reden wir da von meinem Gehalt oder von unserem?“
„Aber Anna“, mischte sich Theresa sofort ein. „Was in einer Familie vorhanden ist, gehört doch allen.“
„Aha“, sagte Anna langsam. „Mein Einkommen ist also Familienvermögen. Eure leeren Konten sind hingegen Privatsache?“
Theresa verzog beleidigt das Gesicht.
„Du musst nicht schon wieder spöttisch werden. Wir wollen nur Gerechtigkeit.“
„Gerechtigkeit?“ Anna stand auf und legte beide Handflächen auf den Tisch. „Gut. Dann machen wir es gerecht.“
Sie griff in ihre Tasche, zog drei Ausdrucke hervor und legte jedem von ihnen ein Blatt hin.
„Das sind die Ausgaben der letzten sechs Monate. Alles, was mit den Karten bezahlt worden ist. Meine Posten – und eure genauso. Schauen wir es uns doch gemeinsam an.“
Lukas runzelte die Stirn.
„Was soll das jetzt werden? Spielst du dich als Buchhalterin auf?“
„Nein“, erwiderte Anna scharf. „Ich bin nur die Blöde, die das alles bezahlt hat.“
Mit dem Finger tippte sie auf mehrere Zeilen. „Darlehen für die Nichte“, „Geschenk für die Nachbarn“, „Sportwetten – Wettanbieter“.
„Bitte sehr. Soll ich das alles ernsthaft als Familienausgaben verbuchen?“
„Das war doch nur …“, begann Lukas und verstummte.
„Das nennt man Hilfe!“, fuhr Theresa dazwischen. „Du verstehst so etwas einfach nicht.“
„Doch, Theresa, ich verstehe es sehr gut“, sagte Anna. „Hilfe ist es, wenn einem dafür wenigstens Dankbarkeit entgegengebracht wird. Ihr aber habt es behandelt, als wäre es euer gutes Recht.“
Theresa sprang so heftig auf, dass der Stuhl hinter ihr über den Boden scharrte. In ihren Augen blitzte es.
„Undankbar bist du! Wenn ich nicht gewesen wäre, hättest du meinen Sohn nie geheiratet!“
„Mama“, versuchte Lukas sie zu bremsen.
„Nein, sie soll es ruhig hören!“, steigerte sich Theresa hinein. „Ich habe dir meinen Sohn ins Haus gebracht, und jetzt machst du ihm Vorwürfe!“
Anna spürte, wie in ihr etwas zu kochen begann. Jahrelang hatte sie geschluckt, geglättet, gezahlt, entschuldigt. Jetzt war nichts mehr übrig, was sie noch hinunterschlucken konnte.
„Sie haben ihn mir nicht gebracht“, sagte sie hart. „Ich habe ihn geheiratet. Aus freien Stücken. Und wissen Sie was? Jetzt reicht es.“
Sie nahm ihre Bankomatkarte, holte ihr Handy hervor und überwies vor den Augen der beiden das gesamte Geld auf ein neu eröffnetes Konto.
„So. Ab heute ist jeder für sich selbst verantwortlich. Wer essen will, soll arbeiten. Wer Verwandte unterstützen möchte, soll dafür eigenes Geld verdienen.“
Lukas sprang auf.
„Bist du völlig verrückt geworden? Du zerstörst unsere Familie!“
„Familie?“ Anna lachte kurz auf, aber es klang bitter. „Wir haben keine Familie. Es gibt mich – mit einem Gehalt. Und euch – mit Appetit.“
Er trat einen Schritt näher und packte sie am Arm.
„So kannst du nicht mit mir reden!“
„Lass mich los!“ Anna riss sich frei. „Und merk dir eines, Lukas: Die Futterstelle ist geschlossen. Endgültig.“
Theresa presste die Hand auf den Mund und sank wieder auf ihren Stuhl, als hätten ihre Beine plötzlich nachgegeben. Lukas blieb stumm stehen, die Brust hob und senkte sich schwer.
Anna aber spürte auf einmal eine beinahe unheimliche Erleichterung. Es war, als hätte jemand ein Fenster aufgerissen und endlich wieder Luft hereingelassen. Sie sah die beiden an – und zum ersten Mal seit vielen Jahren empfand sie keine Schuld.
„Von jetzt an geht jeder seinen eigenen Weg“, sagte sie leise. „Willkommen im Erwachsenenleben.“
Dann drehte sie sich um, ging ins Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
In der Küche blieb nur Stille zurück.
