Florian ist mitten in der Küche stehen geblieben, die Arme schlaff an den Seiten, und hat ausgeschaut, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Von seiner eben noch zur Schau gestellten Kampfeslust war nichts mehr übrig. Alles an ihm wirkte ratlos, beinahe klein. Es war, als hätte er erst in diesem Augenblick begriffen, dass das Spiel aus war. Dass es kein sanftes Zureden mehr geben würde, kein versöhnliches Entgegenkommen, niemanden, der ihm um den Hals fiel und sagte: „Schon gut, vergessen wir alles.“ Barbara zupfte ihn hektisch am Ärmel, flüsterte ihm irgendetwas zu, doch er rührte sich nicht.
„Theresa …“, brachte er schließlich hervor, und seine Stimme kippte. „Bitte, verzeih mir. Ich hab nicht gewollt, dass es so endet. Mama macht sich halt Sorgen … Wir gehören doch zusammen. Wir sind doch Familie.“
„Nein“, fiel sie ihm ins Wort. Dieses eine Wort war so endgültig, dass jede weitere Erklärung fast überflüssig gewesen wäre. „Wir sind keine Familie. Ihr seid der Versuch, eure Schwierigkeiten auf meine Kosten zu lösen. Aber ich bin keine Bank mehr. Und auch keine Burg, die man lange genug belagert, bis sie aufgibt. Den Weg kennt ihr. Die Tür ist dort, wo sie immer war.“
Damit drehte sie sich um, ging ins Bad und schob den Riegel vor. Sie lehnte die Stirn gegen die kühlen Fliesen und atmete zum ersten Mal seit Monaten tief ein, bis ganz hinunter in die Lunge. Draußen waren gedämpfte Stimmen zu hören, dann ein Poltern, das Klappen von Kastentüren, ein gereiztes Murmeln. Mutter und Sohn berieten sich offenbar. Theresa merkte, dass es ihr gleichgültig war. Sie stellte sich vor, wie sie endlich gingen. Wie die Wohnung wieder still werden würde. Wie sie die Möbel anders stellen, das alte Sofa hinauswerfen konnte, das Florian so geliebt hatte, und wie sie neue Blumen für die Fensterbank kaufen würde. Solche, die ihr gefielen. Nur ihr. Ohne sich nach jemandem richten zu müssen.
Ungefähr eine Stunde später klickte der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Dann noch einmal. Danach lag eine Stille über den Räumen, so dicht und klar, dass sie fast körperlich spürbar war. Theresa wartete noch einen Moment, ehe sie aus ihrem kleinen Zufluchtsort kam. Die Wohnung war leer.
In der Küche stand auf dem Boden noch immer das vergessene Plastiksackerl mit den Gläsern. Die eingelegten Gurken schimmerten matt in der Lake, als wäre nichts geschehen, als hätten sie mit all dem Streit nichts zu tun. Theresa hob das Sackerl auf, vorsichtig und beinahe behutsam, als trüge sie ein krankes Kätzchen. Dann brachte sie es auf den Balkon zurück und stellte es genau an jene Stelle, an der alles begonnen hatte.
Am Abend saß sie im Wohnzimmer, die Beine unter sich gezogen, hielt ein Häferl Kamillentee in den Händen und schaute hinaus, wie der Oktoberhimmel langsam dunkler wurde. Die letzten Farben des Sonnenuntergangs zogen sich aus den Fensterscheiben gegenüber zurück. In ihr war es eigenartig still. Nicht fröhlich, nicht traurig. Eher weit. So, als hätte man in einem Raum, der viel zu lange zugesperrt und stickig gewesen war, endlich sämtliche Fenster aufgerissen.
Da läutete ihr Handy. Auf dem Display stand: „Johanna“. Ihre Freundin aus dem Konstruktionsbüro, mit der sie seit Jahren zusammenarbeitete und die ein fast unheimliches Talent dafür hatte, genau dann anzurufen, wenn man sie brauchte.
„Na?“, fragte Johanna ohne jede Einleitung. „Darf ich annehmen, das Festival ‚Schwiegermutter im Vormarsch‘ ist beendet?“
Theresa musste trotz allem lächeln. „Beendet. Die Spezialeinheit hat den Rückzug angetreten. Mit Kofferunterstützung.“
„Und? Wie fühlt sich das an?“
Theresa schwieg kurz. Zwischen ihren Fingern drehte sie das kleine Teesieb hin und her. Dann sah sie zu der Wand hinüber, an der gestern noch das Hochzeitsfoto von ihr und Florian gehangen hatte. Jetzt blieb dort nur ein heller rechteckiger Fleck auf der ausgebleichten Tapete.
„Weißt du“, sagte sie langsam, „es ist seltsam. Wenn jemand versucht, dir dein Zuhause wegzunehmen, verstehst du plötzlich, dass das nicht bloß Wände sind. Das ist dein Leben. Und es zu verteidigen ist nichts, wofür man sich schämen muss. Auch dann nicht, wenn man dafür jemanden vor die Tür setzen muss. Vor allem dann nicht, wenn dieser jemand praktisch mit einem Notar in der Hinterhand auftaucht.“
Johanna schnaubte zufrieden. „Genau so gehört sich das. Und Florian?“
„Nichts. Er ist gegangen. Sogar seine geliebten Gurkengläser hat er stehen lassen.“
„Dann kommt er wieder.“
Theresa stellte das Häferl ab und blickte zur Eingangstür. Zum ersten Mal seit langer Zeit machte ihr dieser Gedanke keine Angst.
„Soll er es versuchen“, sagte sie ruhig, ohne dass ihre Stimme auch nur ein bisschen zitterte. „Die Schlösser sind schon getauscht. Ab jetzt stelle ich die Regeln auf.“
