„Sie ist doch niemand für mich, verstehst du?“ rief die Stieftochter am Telefon — die Stiefmutter steht fassungslos am Herd

Diese herzlose Ignoranz fühlt sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

– Sie meint es nicht bös. Sie hat es momentan selber nicht leicht. Ihr Privatleben rennt halt nicht so, wie sie es sich vorstellt.

Ich bin aufgestanden.

– Was hat ihr Privatleben damit zu tun? Ich rede davon, dass sie mich beleidigt hat. Und du stellst dich schon wieder vor sie.

– Ich stell mich nicht vor sie. Ich bitt dich nur, dass du versuchst, sie zu verstehen.

– Und mich? Verstehst du mich auch?

Markus hat mich angeschaut. In seinem Blick ist Schuld gelegen, aber auch eine Hilflosigkeit, die mich fast noch mehr getroffen hat. So schauen Menschen, die sich um keinen Preis entscheiden wollen, weil ihnen beide Seiten wichtig sind. Nur genau dieses Ausweichen hat mich endgültig zermürbt. Sieben Jahre lang bin ich Teil seiner Familie gewesen. Und auf einmal sollte mein Platz in dieser Familie davon abhängen, welche Laune seine erwachsene Tochter gerade hat.

Am nächsten Morgen habe ich kein Frühstück gemacht.

Diesmal war es keine Nachlässigkeit, sondern eine bewusste Entscheidung. Ich bin wie immer um sechs aufgestanden, habe mich fertig gemacht und bin zwanzig Minuten früher aus der Wohnung gegangen. In der Nähe meiner Arbeit habe ich mir einen Kaffee und eine Semmel gekauft und mich damit in einen kleinen Park gesetzt. Die Luft war frisch, aber gefroren habe ich nicht.

Ich habe daran gedacht, dass ich zum ersten Mal seit Jahren nicht in die Küche hetze, nicht den Wasserkocher einschalte, nicht Käse und Wurst aus dem Kühlschrank hole und keinen Brei koche. Es hat sich eigenartig angefühlt. Fast so, als würde ich die Schule schwänzen.

Am Abend hat daheim eine Überraschung auf mich gewartet. Meine Stieftochter hatte sich tatsächlich selbst Nudeln gekocht. Bewiesen haben das der Topf, der in einer nassen Lacke auf dem Herd gestanden ist, und die leere Spaghetti-Packung, die neben dem Mistkübel gelegen ist statt drinnen. Aber immerhin: Sie hatte es getan.

Markus hat versucht, die Sache mit einem Scherz zu entschärfen.

– Na siehst du, sie passt sich eh an.

Ich habe ihn nur angeschaut. Da ist ihm der Satz im Hals stecken geblieben.

So ist eine ganze Woche vergangen. Ich habe aufgehört, ihre Sachen zu waschen. Zuerst habe ich den Wäschekorb einfach übersehen. Später, als sich die schmutzige Wäsche so hoch gestapelt hat, dass sie schon herausgefallen ist, habe ich alles in ein eigenes Sackerl geräumt und neben die Waschmaschine gestellt. Ihre Kleidung anzufassen, habe ich nicht mehr geschafft. Nicht, weil ich mich davor geekelt hätte. Ich wollte es einfach nicht mehr. Jedes Mal, wenn ich eines ihrer T-Shirts in die Hand genommen hätte, wären in mir wieder diese Worte aufgegangen: Du bist für mich niemand.

Am vierten Tag hat meine Stieftochter es bemerkt.

– Wieso wird meine Wäsche nicht gewaschen? – hat sie Markus gefragt.

Er ist daraufhin zu mir gekommen.

– Meinst du nicht, es reicht langsam? – hat er gesagt. – Das schaut ja schon aus wie ein Boykott.

– Tut es, – habe ich ruhig geantwortet. – Genau das ist es auch.

– Du weißt aber schon, dass das so nicht geht.

– Warum nicht?

– Weil wir eine Familie sind.

Ich habe nicht angefangen zu streiten. Ich habe ihn nur gefragt:

– Und als deine Tochter gesagt hat, ich sei niemand, war das dann familiär?

Darauf hat er keine Antwort gehabt. Er ist hinausgegangen.

In dieser Nacht bin ich lange wach gelegen. Mir ist nicht aus dem Kopf gegangen, dass er zu ihr kein einziges Mal gesagt hatte: „So redest du nicht über einen Menschen, der sich um dich kümmert.“ Kein einziges Mal hat er sich klar auf meine Seite gestellt. Eigentlich kann er das gar nicht. Seine Art ist es, abzuwarten. Vielleicht erledigt sich alles von selbst. Sieben Jahre lang habe ich das für Sanftmut gehalten. Jetzt habe ich die andere Seite davon gesehen: Er würde genauso schweigen, wenn jemand sie vor seinen Augen beleidigen würde. Einfach, weil er sich nicht einmischen will. Er wählt keine Seite. Er erstarrt.

Nach zwei Wochen ist meine Stieftochter eingebrochen.

Es war an einem Sonntag. Sie hat bis Mittag geschlafen, ist dann in die Küche geschlurft und hat den Kühlschrank aufgemacht. Drinnen standen meine Sachen: Joghurt, Käse, Hühnerfilet, Gemüse. Aber nichts von dem, was sie gewohnt war, fertig vorzufinden. Keine Suppe, keine Fleischlaibchen, kein gebackener Fisch.

Sie hat die Kühlschranktür zugeknallt und gerufen:

– Markus!

Er war im Zimmer und hat sich auf dem Tablet irgendetwas angeschaut.

Hedis Stube