„Deine Mutter wohnt jetzt also bei uns? Gut, dann ziehe ich aus!“ — die Schwiegertochter packte wütend ihren Koffer, nachdem die Schwiegermutter ohne Erlaubnis die ganze Wohnung umgestellt hatte

Diese unerhörte Dreistigkeit ist zutiefst verletzend.
Geschichten

— „Du dachtest“? — Katharina ist einen Schritt näher gekommen und hat die Stimme gesenkt, damit Elisabeth in der Küche nichts mithören konnte. — Hattest du irgendwann vor, mir zu sagen, dass du deine Mutter eingeladen hast, bei uns zu wohnen?

— Ich hab sie doch gar nicht eingeladen! — stammelte Florian. — Sie hat gesagt, sie kommt, um zu helfen, und ich … ich hab halt zugestimmt. Johanna … ich hab ihr einfach nicht absagen können. Sie wär sofort beleidigt gewesen!

— Und mich zu fragen war nicht notwendig? — Katharinas Worte klangen so kalt, dass sie fast schnitten. — Ich arbeite von daheim, Florian. Ich brauche Ruhe. Nicht eine Schwiegermutter, die vom frühen Morgen bis zum Abend Möbel rückt und mir erklärt, wie man richtig lebt.

— Sie bleibt eh nicht lang! Eine Woche, höchstens zwei! — Er griff nach ihrer Hand und versuchte, sie zu beruhigen. — Bitte, halt das nur kurz aus. Ich helf dir, versprochen.

Aus der Küche drang Elisabeths Stimme herüber:

— Florian, mein Bub! Komm schnell, ich hab dein Lieblingsessen gemacht!

Katharina zog ihre Hand aus seiner und wich einen Schritt zurück.

— Gut — sagte sie mit einer Gelassenheit, die Florian mehr erschreckte als jeder Streit. — Wenn sie schon da ist, um zu helfen, dann soll sie eben helfen. Ich werde euch sicher nicht im Weg stehen.

Sie drehte sich um, ging ins Schlafzimmer und sperrte die Tür hinter sich ab.

Am nächsten Morgen hat das Ganze erst richtig begonnen. Elisabeth war schon um sechs Uhr auf den Beinen und fing mit dem Putzen an. Kübel klapperten, der Staubsauger dröhnte, Sessel wurden verschoben, ein Kasten wurde gerückt, als müsste die ganze Wohnung neu eingerichtet werden. Katharina, die normalerweise ab acht zu arbeiten begann, wurde vom Lärm aus dem Schlaf gerissen und wusste sofort: Mit konzentriertem Arbeiten würde es heute schwierig werden. Mit Kopfhörern auf den Ohren ging sie in die Küche, goss sich einen Kaffee ein und verschwand wortlos wieder im Schlafzimmer.

— Katharina! — Elisabeth klopfte wenig später an die Tür. — Komm heraus, ich hab Frühstück gemacht! Man muss ordentlich essen!

— Danke, ich hab keinen Hunger — kam Katharinas kühle Antwort durch die geschlossene Tür.

Sie arbeitete im Schlafzimmer, auf dem Bett sitzend, den Laptop auf den Knien. Bequem war das nicht, ihr Rücken begann bald zu ziehen, aber hinauszugehen und sich Elisabeth auszusetzen kam für sie nicht infrage. Gegen Mittag klopfte die Schwiegermutter erneut, diesmal deutlich energischer.

— Katharinchen, wie lang willst du dich denn noch da drinnen verkriechen? Komm schon, ich hab eine Suppe gekocht. Ganz frisch, mit Fleisch!

Katharina öffnete die Tür. Sie trug Kopfhörer, in der Hand hielt sie eine Wasserflasche.

— Ich arbeite. Ich brauche Ruhe — sagte sie knapp. — Bitte stören Sie mich nicht.

— Was heißt denn da arbeiten! — Elisabeth war sofort empört. — Du sitzt den ganzen Tag im Zimmer! Man muss sich bewegen, an die frische Luft gehen und nicht zwischen vier Wänden verkümmern!

Ohne ein weiteres Wort machte Katharina die Tür wieder zu. In ihr kochte alles. Ihre Schwiegermutter verstand nicht — oder wollte nicht verstehen —, dass Arbeit im Homeoffice genauso Arbeit war. Dass es Fristen gab, Kundinnen und Kunden, die auf sie warteten, und dass sie damit ihr Geld verdiente und ihre Rechnungen zahlte.

Als Florian am Abend heimkam, hing eine schwere, gespannte Stimmung in der Wohnung. Elisabeth werkelte in der Küche herum und deckte den Tisch. Katharina saß nach wie vor im Schlafzimmer und war kein einziges Mal herausgekommen. Florian klopfte leise, trat ein und setzte sich auf die Bettkante.

— Was ist denn los mit dir? — Er wollte sie in den Arm nehmen, doch sie rückte von ihm weg. — Mama bemüht sich doch. Sie kocht, sie putzt. Komm wenigstens zum Abendessen raus.

— Deine Mutter hindert mich am Arbeiten — sagte Katharina. — Ich kann mich nicht konzentrieren. Vom Morgen bis zum Abend macht sie Lärm, zu Mittag platzt sie herein, und am Abend erwartet sie, dass ich mich zu ihr setze und mir anhöre, wie ich mein Leben führen soll.

— Bitte, ertrag es halt ein bissl — flehte Florian. — Sie meint es doch nur gut!

— Gute Absichten zahlen meine Miete nicht — fuhr Katharina ihn an. — Heute hab ich wegen dieses Krachs einen wichtigen Termin versäumt. Ich arbeite, Florian. Verstehst du dieses Wort? Ich ar-bei-te. Daheim. Und dafür brauche ich Ruhe, keinen Zirkus von früh bis spät.

— Dann sag es ihr doch! — Er hob hilflos die Hände.

— Das hab ich. Sie hört mir nicht zu. Für sie bin ich bloß die Schwiegertochter, die „eh nur daheim sitzt“ und dankbar sein soll für ihre „Hilfe“. — Katharina stand auf und schnappte sich ihre Tasche. — Ich geh. Ich arbeite ab jetzt in einem Coworking-Space. Und ihr könnt euch hier inzwischen gemütlich einrichten.

Sie verließ die Wohnung, und Florian blieb ratlos im Zimmer stehen. In der Küche wartete Elisabeth mit besorgter Miene auf ihn.

— Florian, mein Bub, was ist denn mit Katharina los? Sie benimmt sich so eigenartig. Den ganzen Tag sperrt sie sich ein.

Hedis Stube