beschrieben mit ihrer ruhigen, gleichmässigen Handschrift.
— Die Wohnung habe ich vor der Ehe gekauft, das Geld dafür ist von meiner Mama gekommen. Das Wochenendhaus habe ich ebenfalls von ihr geerbt. Beides gehört zu meinem persönlichen Vermögen. Nach österreichischem Recht fällt so etwas bei einer Scheidung nicht einfach in die Aufteilung. Und deine Hauptwohnsitzmeldung hier bedeutet nur, dass du hier gemeldet bist — sie macht dich nicht zum Miteigentümer.
— Aber ich habe hier renoviert! — David klammerte sich an dieses letzte Argument wie jemand, der nach einem Rettungsring greift und erst im Wasser merkt, dass es nur ein aufblasbares Spielzeug ist. — Ich habe die Tapeten geklebt! Ich habe Regale montiert!
— Die Tapeten habe ich bezahlt, die Rechnung liegt in meinen Mails. Und Tapeten samt ein paar Regalen sind Schönheitsarbeiten. Wenn du einen Anteil geltend machen wolltest, müsstest du nachweisen, dass du den Wert der Wohnung aus eigenen Mitteln wesentlich gesteigert hast. Umbau, Zubau, neue Wohnfläche, so etwas. Ein paar Bretter im Vorzimmer reichen dafür nicht, David.
Draussen im Hof sprang irgendwo ein Motorrad an. David stand mitten in der Küche und schien erst jetzt langsam zu begreifen, wie gross das Loch war, in das er sich selbst hineingeredet hatte. Sein Plan — sie mit der Scheidung unter Druck zu setzen, sie einzuschüchtern und sich so das Wochenendhaus zu holen — zerbröselte vor seinen Augen wie jenes Kaffeehaus in einer Seitengasse, in die nie jemand abbog.
— Lena, wart einmal …
Seine Stimme war auf einmal nicht mehr fordernd, sondern bittend. Der Wechsel dauerte nicht einmal eine Sekunde; Lena registrierte innerlich fast anerkennend die Geschwindigkeit.
— Ich bin über das Ziel hinausgeschossen. Vergessen wir das Gespräch einfach. Ich sage Toni selber, dass es nicht geht. Er soll schauen, wie er da wieder herauskommt.
— Wie grosszügig. Den Bruder fallen lassen, den du selbst in diese Schulden hineingezogen hast, nachdem du ihn vor zehn Minuten noch als Rammbock gegen mein Wochenendhaus einsetzen wolltest. Wirklich beeindruckend.
— Geh, Lena! Ich liebe dich doch!
— David, du liebst die Wohnung, in der du keine Betriebskosten zahlst. Du liebst das Auto, für das du keine Versicherung überweist. Und du liebst das Sofa, auf dem du seit eineinhalb Jahren nach einer Arbeit suchst, die deiner Seele entspricht. Das ist keine Liebe. Das ist Bequemlichkeit. Gratis wohnen mit Vollpension.
Sie nahm die Mappe wieder an sich und legte sie zurück.
— Ich werde die Scheidung nicht einreichen. Das machst du. Allein. Immerhin warst du es, der vor zehn Minuten unbedingt geschieden werden wollte. Keine Kinder, kein gemeinsames Vermögen, kein Streitgegenstand — es gibt schlicht nichts zu teilen, weil alles mir gehört. Beim Bezirksgericht ist so etwas rasch erledigt, wenn beide mitmachen. Zieh einstweilen zu deiner Mutter. Hilf Toni mit seinem neuen Kaffeehaus. Diesmal aber wirklich, nicht nur „grob konzeptionell“. Vielleicht kratzt ihr zu zweit sogar genug für einen zweiten Barista zusammen.
David sah sie lange an. Sein Blick war trüb, beleidigt, verwirrt; zugleich lag darin ein langsames, unangenehmes Begreifen, dass sein kostenfreies Leben gerade zu Ende gegangen war. Er öffnete den Mund, offenbar bereit für einen letzten grossen Satz. Doch es fiel ihm keiner ein. Also drehte er sich wortlos um und ging hinaus.
Grosszügigkeit ist eine erstaunliche Eigenschaft. Vor allem dann, wenn zuverlässig jemand anderer dafür bezahlt.
Seine Sachen packte David quälend langsam zusammen, fast zwei Stunden lang. Offenbar wartete er darauf, dass Lena aus dem Zimmer kommen, ihm nachlaufen, ihn anflehen oder wenigstens weinen würde. Lena sass währenddessen am Tablet und machte den Quartalsabschluss fertig. Die Zahlen passten. Eine ganz normale Arbeitsaufgabe.
Als die Wohnungstür schliesslich ins Schloss fiel, ging Lena zum Fenster. Unten im Hof stand David mit zwei Taschen, telefonierte und fuchtelte mit der freien Hand in der Luft herum. Vermutlich erklärte er Toni gerade, was für eine herzlose Frau er habe und wie ungerecht die Welt eingerichtet sei. Nach einer Viertelstunde kam ein Taxi, er verstaute sein Gepäck und fuhr davon. Ein neues Leben aufbauen. Allem Anschein nach wieder auf fremden Quadratmetern.
Die Anrufe kamen von selbst.
Eine Stunde später läutete das Handy. Auf dem Display stand: „Theresa“. Lena überlegte einen Moment, dann nahm sie ab. Am Ende gehörte auch das dazu — die letzte offene Rechnung abzuschliessen.
— Lena! — Die Stimme ihrer Schwiegermutter vibrierte vor rechtschaffenem Zorn. — Was führst du da auf?! Du hast meinen Sohn auf die Strasse gesetzt?!
— Theresa, David ist von selbst gegangen. Auf seinen eigenen Füssen. Ich bin nicht einmal aus dem Zimmer gekommen.
— Erzähl mir nichts! Mein Sohn wäre nie freiwillig gegangen! Er liebt dich! Du solltest froh sein, dass so ein Mann überhaupt auf dich aufmerksam geworden ist!
— So ein Mann, — wiederholte Lena und schenkte sich Wasser ein. — Dann erzählen Sie mir doch von diesem Mann. Was macht er im Moment beruflich?
— Der David sucht eine würdige Stelle! Er hat Ambitionen, dem passt nicht irgendein Posten! Er war immerhin Schichtleiter in einem Lager!
— In einem Lager, — sagte Lena und nahm einen Schluck. — Theresa, David war dort drei Wochen beschäftigt. Nicht als Schichtleiter, sondern als Lagerarbeiter. Man hat ihn gebeten zu gehen, nachdem er Lieferscheine verwechselt hat und eine ganze Warenpartie an die falsche Adresse ausgeliefert worden ist. Die Firma musste eine Vertragsstrafe zahlen. Er hat es mir selbst erzählt — nur war in seiner Version natürlich der „depperte Kollege“ schuld.
Am anderen Ende wurde es still. Allerdings nicht lange.
— Das sind Kleinigkeiten! — Theresa sammelte sich augenblicklich wieder. — Wichtig ist, dass er sich bemüht! Und du zählst statt Unterstützung nur seine Fehler zusammen! Was bist du denn für eine Ehefrau?
— Eine ganz gewöhnliche. Nur arbeitet Ihr Sohn seit eineinhalb Jahren nicht, und diese Woche hat er versucht, mein Wochenendhaus heimlich auf sich umzuschreiben, um es gemeinsam mit seinem Bruder zu verkaufen — demselben Bruder, den er selbst in die Schulden hineingezogen hat. Ich habe das mit eigenen Ohren gehört. So viel also zu Ihrem Buben mit Ambitionen, Theresa.
— Du lügst! Mein David würde niemals …
— Ich lüge nicht. Ich rechne. Und die Zahlen sprechen nicht für ihn. Alles Gute. Richten Sie David bitte aus, dass ich heute noch das Schloss tauschen lasse. Die Schlüssel braucht er nicht zurückzubringen — sie werden ohnehin nicht mehr passen.
Lena beendete das Gespräch. Der Bildschirm wurde dunkel. In der Wohnung breitete sich Stille aus. Eine echte Stille. Ohne Seufzer, ohne das Gemurmel vom Fernseher, ohne schlurfende Patschen im Gang.
Am Abend bestellte sie einen Installateur beziehungsweise Schlüsseldienst, um den Zylinder im Schloss wechseln zu lassen. Eine Stunde später war er da, nach zwanzig Minuten war alles erledigt. Er nahm fünfzehn Euro für den Zylinder und die Arbeit.
— Gutes Schloss, — meinte er und räumte sein Werkzeug zusammen. — Aber immer zweimal zusperren. Man weiss ja nie.
— Dreimal, — sagte Lena.
Danach brühte sie frischen Kaffee auf, holte aus dem Gefrierfach ein Stück guten Fisch — den, den sie sich schon lange nicht mehr gegönnt hatte, weil ihr Mann ja immer „etwas Ordentliches mit Fleisch“ gewollt hatte — und legte ihn zum Auftauen heraus. Dann schaltete sie leise Musik ein.
Die Bilanz war ausgeglichen. Der Verlustposten gestrichen. Buchhaltung ist eine exakte Wissenschaft: Manchmal genügt es, eine einzige überflüssige Ausgabe zu entfernen, und schon rutscht das Ergebnis ins Plus.
Eine Woche später fuhr sie zum ersten Mal seit langer Zeit allein zum Wochenendhaus. Sie riss die Fenster weit auf, wischte den Staub von den Fotos ihrer Mutter auf der Kommode und setzte sich mit Tee auf die Terrasse. Die Stille war so tief, dass man im Garten jedes Rascheln der Blätter hören konnte. Und zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren drückte diese Stille nicht auf sie. Sie wärmte. Das Haus war wieder das, was es immer gewesen war: ein Ort, an dem man sich an sie erinnerte und an dem sie gebraucht wurde.
